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31.08.2021

Gert Selig erlebt Highlight seiner Schiedsrichterkarriere bei den Paralympics

RTTVR´ler Gert Selig leitete bei den Paralympics das Finale der WK 4 - sein absoluter Höhepunkt in zwanzig Jahren schiedsen

Als einziger deutscher Schiedsrichter wurde Gert Selig für die Paralympischen Spiele in Tokio nominiert. Für den 58-Jährigen ging allein damit schon ein großer Traum in Erfüllung. Das Sahnehäubchen folgte aber heute. Er leitete das Herren-Finale der Wettkampfklasse 4 - für jeden Schiedsrichter der absolute Karrierehöhepunkt. Selig, der in Waldalgesheim nahe Mainz lebt, begann vor fast zwanzig Jahren mit dem schiedsen und machte sich nicht nur national, sondern auch international einen Namen. Er war nominiert für zahlreiche Weltmeisterschaften und für die ersten European Games in Baku 2015. Seit vielen Jahren übt er sein Ehrenamt auch im Para-Tischtennis aus, unter anderem als Klassifizierer. Wir haben unmittelbar nach seinem Finale mit ihm gesprochen.

Gert, wie war das Finale?

Es war ein tolles Spiel in der WK4, also Rollis mit mittleren Einschränkungen. Sie haben sich tolle Ballwechsel geliefert, der längste war über 46 Sekunden. Aus Schiedsrichtersicht war es ein eher einfaches Spiel, es gab nur einmal ein Let für ein seitliches Aus beim Aufschlag. Bei den Rollis gibt es da ja ein paar Besonderheiten. 

Was bedeutet für dich die Nominierung für das Finale, aber auch für die Paralympics?

Olympia und Paralympics sind das Größte, das ein Schiedsrichter erreichen kann. Da ich mich seit Jahren mit dem Parabereich anfreunde und dort auch schon an zwei Weltmeisterschaften teilgenommen habe, habe ich mich natürlich sehr gefreut, als das Ressort Schiedsrichter des DTTB und anschließend auch die ITTF mich vor über zwei Jahren für die Paralympics in Tokio berufen haben. Und nun noch ein Einzelfinale, das ist schon der Höhepunkt meiner Schiedsrichterkarriere, die ich mit einem Wochenendlehrgang zum Bezirksschiedsrichter beim Tischtennisverband Brandenburg (TTVB) im Dezember 2002 begonnen habe. Übrigens ohne jemals selbst als Aktiver am Tisch gestanden zu haben. 

Wie erlebst du die paralympischen Spiele in Tokio?

Man muss das Ganze etwas teilen. Vom Sportlichen ist es schon das ganz große Highlight. Das merkt man bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Andererseits sind da die Einschränkungen durch Corona. Die verhindern natürlich das, was Olympia eben auch in hohem Maße ausmacht, die Begegnung von Menschen aus der ganzen Welt. Kurz die riesen Party. Das ist sehr traurig, aber notwendig. 

Was schätzt du an den Paralympics besonders?

Dass bei den Parasportlern alles etwas bodenständiger geblieben ist bis jetzt, etwas familiärer, ohne das Ziel im Sport aus den Augen zu verlieren. So wie man hier als Schiedsrichter praktisch mit aufgenommen wird vom Nationalteam, da ist man wie ein Delegationsmitglied. Und ich meine das gehört sich auch so. Jeder will faire Spiele, warum sollen die Schiedsrichter dann nicht auch Teil des Ganzen sein? Ich weiß, da gibt es organisatorische Unterschiede, aber es geht, wenn man will. 

Wie ist euer Tagesablauf?

Das ist bei den Paralympics echt hart. Eigentlich sind wir von 7 bis 23 Uhr in der Halle gewesen. Abends bin ich nur noch tot ins Bett gefallen und habe kaum mehr als vier Stunden Schlaf gehabt. Einmal bin ich fast als Assistent am Tisch eingeschlafen. So ging es allen hier. Grund ist einmal der Zeitplan, aber vor allem das leider sehr ausgedünnte Transportmanagement. Und zu Fuß dürfen wir ja auch nicht unterwegs sein. Gestern hatte ich dann zum Glück frei. 

Inwiefern beeinträchtigen die besonderen Umstände dein Olympia-Erlebnis?

Na ja, wir müssen jeden Tag einen PCR-Test (Spucktest) machen, Fieber messen, ständig unser Handy bei uns am Körper haben, auf dem zwei Apps installiert sind, auf denen wir bewegungs- und gesundheitsmäßig getrackt werden. Abendessen. Esse bestelle ich aus dem Hotelrestaurant aufs Zimmer, einkaufen ist nur im hoteleigenen Shop offiziell erlaubt. Außer zu essen und zum schlafen müssen wir einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Also eigentlich ist nichts wie sonst. 

Was war dein außergewöhnlichster Olympia-Moment bis dato neben dem Finale?

Also das außergewöhnliche sind für mich die Menschen hier. Mit welcher Freundlichkeit, Höflichkeit und Wärme die ganzen Volunteers und andere, z.B. Polizisten, Leute auf der Straße, die uns im Bus zuwinken, unsere japanischen Schiedsrichterkollegen/innen, begegnen, das ist außergewöhnlich. Davon, dass angeblich die Hälfte der Bevölkerung in Tokio die Spiele ablehnt, davon habe ich nichts gemerkt.

Quelle: DTTB


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